Sonntag, 29. Januar 2017

Versöhnung

Man kann sich über "Kirche" jeden Tag aufregen. Oft mit gutem Recht.
Man kann "Kirche" auch als Trauerspiel bezeichnen, so wie ich in einem meiner letzten Blogbeiträge. Ebenfalls oft mit gutem Recht.

Man kann aber auch mit einem versöhnlichen Blick auf  die Kirche schauen. Nicht auf  "Kirche" im großen Ganzen, sondern beginnend mit der eigenen kleinen Kirche im Dorf.

Das wurde mir gestern Abend klar.

Gebaut wurde die Kirche in den 1970ern. Der Neubau war "alternativlos", da die alte Kirche in sich zusammenbrach - die Renovierung wäre teurer gewesen als ein Neubau. Die "Neue" ist ein Betonbau, gehört aber zu einer jener Ausnahmen, die man als "gelungen" bezeichnen kann, innen wie außen. Es bleibt Beton, das ist wahr, und sie wird darum nie einer gotischen oder romanischen Kirche gleichkommen. Der Innenraum ist schlicht und wird nie einer der vielen römischen Kirchenräume das Wasser reichen können. Aber er ist auf seine Weise schön und auch einladend.

Die Sonntagsmessen werden weniger, die Wortgottesdienste überwiegen, Dank sei den GDGs und den völlig überlasteten verbleibenden Priestern. Würde unser inzwischen im Ruhestand befindlicher Pfarrer mit seinen 86 Jahren (!) nicht weiterhin die Messe lesen ("Ich mache weiter, bis der Chef da oben die Grenze setzt."), sähe es übel aus für unsere Gemeinde. So gibt es halt die Messe meist im Wechsel: mal sonnabends, mal sonntags, und manchmal eben auch gar nicht.

Gestern bin ich zum ersten Mal in die Abendmesse gegangen, statt sonntags in eine Nachbargemeinde zu fahren. Es kam einfach gerade zeitlich besser aus. Und ich war sehr früh dort, fast eine halbe Stunde.

Ruhig war es, und nur der Altar wurde vom großen Weihnachtsbaum beleuchtet, der immer noch stand - so wie auch Krippe. (Ja, ja, ihr lieben Leute, die ihr euch am 25. Dezember ein "Ei guck, nun ist Weihnachten schon wieder vorbei" zuwerft - das ist durchaus "drin".)

Zwei Frauen saßen schon in der Kirche. Es war ganz ruhig. Schön, einmal so lange vor einer Messe schon die Gedanken - und sich selber - sammeln zu können. Dann setzte das Glockengeläut ein und langsam füllte sich die Kirche.

Da war das ältere Ehepaar in der Bank hinter mir, das sich leise über eine verlegte Lesebrille käbbelte.

Die beiden Frauen in der Bank vor mir, die über ihre Krankheiten sprachen.

Der aufrechte alte Herr im feinen Tuchmantel, der sich die ganze Messe über zu jedem Flüstern, Husten oder Naseputzen kopfschüttelnd und mit hochgezogener Augenbraue umwenden würde.

Weiter vorne die nicht mehr ganz junge Dame im Leoparden(web)pelzmantel und einer roten Strickmütze, die in Form und Farbe erschreckend an die Gummischwimmkappen aus den 1970ern erinnerte.

Das junge Paar mit dem kleinen Sohn, den der Vater mit Engelsgeduld immer wieder an der Hand durch den Kirchenraum führte, wenn Sohnemann "nölig" wurde.

Die Kanarienvogelwürger waren da - ein Ausdruck, den ein Freund vor Jahren einmal benutzt hat, um die seltsame Handhaltung mancher Beter zu beschreiben, die ihre Hände so falten, dass es aussieht, als würden sie einen Kanarienvogel in der Hand halten, den sie langsam zu Tode würgen wollten. Als mir dieser Ausdruck gestern wieder einfiel, habe ich eine gute Minute lang unterdrückt gekichert.

Da war der Organist, der zu früh einsetzte, und der Messdiener, der die zweite Lesung in einem so echten rheinischen Singsang hielt, dass es eine Freude war - auch, wenn man nicht jedes Wort verstehen konnte. Am Ende kam aus einer Ecke ein geflüstertes und eindringliches "WORT DES...!", das den Vorleser an den vergessenen Schlusssatz erinnern musste. 

Nach der Lesung des Evangeliums erklärte uns der Priester, dass die Seligpreisungen nicht nur für die damals Versammelten gesprochen wurden, sondern dass jede einzelne gerade heute für jeden von uns gälte. Diese einfache aber nahegehende Rede schloss er mit einem "Amen." und einem langen Schweigen.

Es war so gar nichts perfekt gestern Abend. Der Ablauf nicht, das "Ambiente" nicht, und die Menschen schon mal gleich gar nicht.

Und doch...

"Kirche" besteht nicht aus Kardinälen und Bischöfen und dem, was sie sagen oder nicht sagen, tun oder nicht tun. Weder besteht sie aus PGRs oder WisiKis, noch begreift sie sich in prächtigen Bauten oder beeindruckenden Kunstwerken.

Die Kirche ist überall dort, wo sich Menschen zu einer Messe oder auch "nur" einem Gebet zusammenfinden. Diese Menschen sind dann "Kirche".

Und genau deshalb wird "Kirche" niemals perfekt sein. Für mich ein sehr versöhnlicher Gedanke.

Sonntag, 22. Januar 2017

Nachfolge, einfach so?

Heute ja wieder mal gehört:

Da stehen zwei Brüder im Boot und fischen. Kommt einer am Strand vorbei und ruft "Folgt mir!". Lassen die Brüder alles stehen und liegen und laufen ihm nach.

Stehen noch zwei Brüder im Boot und fischen, zusammen mit ihrem Vater. Kommt der gleiche Typ auch hier am Strand vorbei und ruft "Folgt mir!". Lassen auch diese Brüder alles stehen, sogar den alten Herrn, und laufen dem Typen nach.

Nee, denkst du dir, SO kann das ja nun nicht gewesen sein, damals, am Galiläischen Meer. So einen Schritt muss man ja bitteschön mal ein paar Tage überdenken. Und wenigstens wird man erst mal nach Hause wollen, Zahnbürste einpacken, frische Unterwäsche, Seife und Deo. Ist die Reisekrankenversicherung noch gültig? Wer hilft jetzt dem Vater bei der Arbeit? Und überhaupt: Wer ist der Typ überhaupt, der mich da von meiner Arbeit wegholen will? Vielleicht ein Headhunter für einen großen Fischfangkonzern?

In meine Fantasien platzt die anschließende Predigt. Yep, genau: Das muss man metaphorisch verstehen - NATÜRLICH ist das nicht wirklich so abgelaufen.

Den Rest höre ich nicht mehr. Ausgerechnet, als mir zugestimmt wird, beginne ich mich zu fragen: Kann es sich nicht doch genau so zugetragen haben? Ist es wirklich völlig ausgeschlossen?

Es war ja eben nicht irgendein "Headhunter", der hier ein paar besonders gute Fischer für einen Megakonzern abwerben wollte.

Es war Gott selber, der diese Fischer zu sich (be-)rief. Kann man so laut und so klar von Gott angerufen werden und NICHT sofort alles liegen und stehen lassen?

Klar kann man. Man kann immer "Nein." sagen. Nicht hören wollen. Nicht hören können. Weghören. Aus Angst. Aus Beschäftigtsein. Aus Ablehnung.

Dass die Fischer aber hörten - das eben macht sie zu Jüngern.

Und wer sich so ansprechen lässt - ja, der vergisst vielleicht auch die Krankenversicherung und geht einfach so los. Eine Zahnbüste kann man schließlich unterwegs immer noch kaufen. Und frische Socken auch.

Sonntag, 8. Januar 2017

Kirche in Deutschland - ein Trauerspiel

Man möchte verzweifeln, vor Wut in die Tischplatte beißen, das HB-Männchen geben - oder sich einfach wortlos umdrehen und gehen.

Gerne werden kirchlicherseits die sich stetig weiter leerenden Kirchen beklagt.

Was tut man dagegen?

Man schließt Kirchen, verkauft sie, verwandelt sie in Wohnhäuser, Kletterkirchen oder "bestenfalls" in steinerne Friedhöfe.

Ebenfalls gerne genommen werden Klagen über sinkendes bis nicht mehr vorhandenes Glaubenswissen und über sinnentleerte kirchliche Festtage.

Was tut man dagegen?

Man holt die Menschen dort ab, wo sie stehen, und bringt sie - nirgendwohin.

"Houston, wir haben ein Problem."

Eines? Oder viele? Schauen wir doch mal...

Es sind die Bischöfe, die von der Kirche "nach außen" hin reden machen. Und was hört man? Man hört von der "Zulassung zur Kommunion wiederverheiratet Geschiedener". Pro und Contra. Das Thema ist wie ein alter Kaugummi, der seit Jahren unter der Tischkante klebt, um bei jeder Gelegenheit wieder und wieder durchgekauft zu werden. Gelegentlich - der Abwechslung halber - greift man noch zur zweiten Geschmacksrichtung namens "Frauenpriestertum". Auch schon bestens durchgekaut.

Jau! Das wird die Kirchen füllen und die Christen zurück zum Glauben führen. Klappt bei Evangelens erwiesenermaßen ja auch hervorragend.

Das Gros der Deutschen zeigt bei diesen Kaugummithemen die achselzuckende Statler-und-Waldorf-Reaktion:
"The question is: WHO CARES?"
("Die Frage lautet: Wen interessierts?")
Und wie nehmen wir unsere Kirchenoberen sonst wahr?

Wir erfahren, dass sie in vorauseilendem Gehorsam gerne auch schon mal ihr Kreuz abnehmen, wenn es gewünscht wird. Man will ja nicht anecken, oder gar auf alberne Weise stur wirken. (War da nicht mal was? So mit dem Kreuz als Torheit und Ärgernis? Ach, egal.)

Wir hören auch, dass sie sich lieber nicht einmischen, wenn es um bedrohte und verfolgte Christen in deutschen Flüchtlingsunterkünften geht. Man will lieber nicht Partei ergreifen. Nicht mal für die "eigenen Leute".

Und was passiert vor Ort? In den Gemeinden, in den Kirchen?

Da werden "CityKirchen" geschaffen, in denen munter Kaffee getrunken, Suppe gegessen, Handel betrieben, musiziert und vor dem Altar getanzt wird. Das wollen die Leute so, besonders die "jungen Leute". Komisch, dass man zu solchen Anlässen aber immer nur ergrauten Alt-68ern begegnet.

Die jungen Leute findet man stattdessen z.B. auf Nightfever-Events. Nightfever, das ist eine im Jahr 2005 auf dem Kölner Weltjugendtag gestartete Initiative, die sich anschließend als Selbstläufer erst über Deutschland und dann in aller Herren Länder verbreitet hat. Und was machen sie da, die Veranstalter und all die Menschen, die an solchen Abenden mal so "aus Versehen" in eine Kirche geraten? Die beten! Eucharistische Anbetung. Mit sowas kann man eine weltweite Bewegung starten. Gut nur, dass vorher niemand gefragt hat, wie "Kirche" dafür die Chancen einschätzt.

Die Menschen sollen doch bitte wieder zur Messe gehen, zur Eucharistie, so der Wunsch. Aber die sehen den sonntäglichen Kirchgang nur noch als lästige Zeitverschwendung an - und nehmen Abstand. Wieso auch nicht? Schaut man sich an, wie so mancherorts Eucharistie "gefeiert" wird, kann man es ihnen nicht verdenken. "Feiern" hat etwas mit "feierlich" zu tun, und davon ist die heutige Messe in Deutschland sehr oft sehr weit entfernt. Ich habe Messen erlebt, in denen wirklich gefeiert wurde - nicht in großen Kathedralen, und ganz sicher nicht in "CityKirchen". Es waren kleine Kirchen, aber seltsamerweise waren diese Messen zu jeder Zeit bestens besucht. Fast, als hätten die Menschen, jung und alt, eben doch noch ein Gespür dafür, was die Eucharistie ihnen bedeuten kann. Es muss eben, einfach ausgedrückt, am Altar verstanden, gefühlt und umgesetzt werden, was auch in der letzten Kirchenbankreihe ankommen soll.

Stattdessen lautet die Devise, das Kirchenvolk - so es denn die Kirche zur Messe überhaupt noch betritt - nur ja nicht zu beunruhigen, indem man es z.B. mit einer Tageslesung aus dem Schlaf des Gerechten holt, die so gar nicht in das Wohlfühlgemauschel heutiger Gottesdienste passen will. Also wird die Lesung eingekürzt, ausgetauscht oder weggelassen, frei nach unserem Innenminister:
"Ein Teil dieser Botschaft würde Sie verunsichern."
Aaaaaah, aber zum Glück stehen unseren Kirchenoberen, Pfarrern, Priestern und Diakonen ja heutzutage die PGR helfend zur Seite! (Wer es nicht weiß: Hiermit sind die PfarrGemeindeRäte gemeint.)

Sie verfassen z.B. die monatlichen Pfarrbriefe. Mit Informationen über Sammelbörsen, Kleidertauschbörsen, Seniorennachmittagen, Kirchenchorausflügen, Messdienerfahrten, Talentbörsen, Leprabasaren......... Gut, ok, Gott kommt da jetzt irgendwie nicht vor. Aber wir wollen uns nicht um Nichtigkeiten streiten, richtig?

Ansonsten sind sie aber wirklich hilfreich, die PGR. Erstmal wegen der Börsen und Basare und Ausflüge (siehe oben). Und die Verwaltung! Vergessen wir bloß die Verwaltung nicht! Was wäre Kirche ohne Verwaltung! Verwaltung der Leere ist schließlich auch Verwaltung.

Gelegentlich gibt es auch einen PGR, der zur Hochform aufläuft und einen aus dem Ruder gelaufenen Pfarrer mit vorgehaltener Flinte aus der Stadt jagt. Man stelle sich vor: Ein Pfarrer, der sich anmaßt, über die Gestaltung der Messfeier das letzte zu Wort haben zu wollen!

Die vorgehaltene Flinte war natürlich eine Erfindung meinerseits - sie wird lediglich ins Korn geworfen, und zwar von den Pfarrern, die letztendlich um ihre Versetzung bitten.

Und das einfache Kirchenvolk? Das noch in die Messe geht? Ja, ja...

Da hatte ich heute ein feines Erlebnis: Vollbesetzte Kirche (ja, einen von "denen" - siehe oben), eine Bankreihe aber war noch fast frei. Dafür hätte ich an der Dame auf dem äußersten Platz direkt am Gang vorbeigemusst. Auf mein freundliches "Darf ich?" mit Geste zu den freien Plätzen neben ihr wurde ich von oben bis unten gemustert und mit einem eisigen "Sie glauben doch nicht, dass ich für Sie aufstehe." bedacht. (Nein, sie war weder sehr alt noch gebrechlich noch körperbehindert.) Nein, nach dieser Antwort glaubte ich das allerdings nicht mehr. Ich kletterte also mühsam an ihr vorbei und musste mich sehr beherrschen, nicht "aus Versehen" auf ihre Füße zu treten.

Dass sich die gute Dame keiner Schuld bewusst war - also, wirklich gar keiner Schuld, nicht nur jener der Unhöflichkeit - bewies sie durch ihre völlige Sprach- und Reglosigkeit beim Schuldbekenntnis. Naja, und natürlich durch den Empfang der Kommunion. Den ich mir nicht erlauben konnte. Wegen der Wut im Bauch, und des Gedankens "DER gebe ich gleich nicht die Hand - der Friede soll ihr im Hals steckenbleiben!". "Der da oben" war und ist bestimmt so gar nicht zufrieden mit mir.

Bestimmt wähnte sie sich aber völlig im Recht. Als KirchensteuerzahlerIn erkauft man sich eben gewisse Rechte. Auch die auf schlechtes Benehmen.

Ist dieser eine Fall symptomatisch für das heutige Kirchenvolk in Deutschland? Natürlich nicht. Genau wie bei den Kirchenoberen, den Pfarrern und Priestern, den PGR und allen anderen gibt es auch hier "solche" und "solche". Aber das Bild der Kirche von außen wird durch "solche" geschaffen, die verärgern, abstoßen oder - noch schlimmer - die einfach nur bis zum Abwinken langweilen.
"Ihr seid das Salz der Erde."
"Ihr seid das Licht der Welt."
Wo ist das Salz? Wir haben ihm so viel zuckrige Süße beigemischt, dass es keine Würzkraft mehr hat.

Wo ist das Licht? Wir haben so viele Scheffel darübergestülpt, dass es keine Leuchtkraft mehr hat.

Und wir wundern uns über eine reizlose Kirche, in der die Lichter auszugehen drohen?

Samstag, 31. Dezember 2016

Will die Kirche leere Gotteshäuser?

Mal ganz ehrlich: Ich habe so langsam keine Lust mehr auf die Kirchen meiner Heimatstadt!

Ja, ja, die U-Boote

Gerade in den Tagen vor Weihnachten war wie jedes Jahr gern und oft die Rede von den sogenannten "U-Boot-Christen", die nur zu den großen Feiertagen in der Kirche auftauchen, um anschließend wieder in der Versenkung zu verschwinden. Verbunden natürlich mit der Klage über fast leere Kirchen zu den "normalen" Messen und Gottesdiensten im Rest des Jahres.

Mir stellt sich allerdings mehr und mehr die Frage, wie viele dieser tränenschweren Seufzer über das Fortbleiben des Kirchenvolkes wirklich ernstgenommen werden wollen. Denn auf der anderen Seite wird - zumindest hier in der Stadt - eine Menge getan, um das Kirchenvolk von den Gotteshäusern fernzuhalten.

Beispiele gefällig? Aber gerne doch!

Kirche als Mehrzweckhalle

Da haben wir z.B. unsere "CityKirche". Adventsbasar im Kirchenraum gab es dort schon seit Jahren, auch, als sie noch keine CityKirche war. Der Verkauf fand im rückwärtigen Kirchenteil statt. Das fand ich ok.

Inzwischen weiß man, dass in der CityKirche gerne auch mal Tapeziertische aufgestellt werden, dort, wo früher die Kirchenbänke standen, zum gemeinsamen Essen und Kaffeetrinken. Trotzdem mochte sich der nichtsahnende Kirchenbesucher schon ein wenig wundern, wenn er in diesem Jahr zum Adventsbasar Verkaufstische quer durch den ganzen Kirchenraum aufgestellt vorfand. Mit Kaffeetrinken, Plätzchen und Wurstbroten zwischen Amnesty-International-Bücherbasar, Fair-Trade-Waren und Selbstgestricktem.

Der Altar als Tanzboden.


Auch das Streichorchesterlein, das mitten im Kirchenraum "Adagio" vortrug - nein, nicht das von Barber, sondern die Popsöngchenversion - auch das mochte ein wenig befremdlich anmuten. Aber man zuckte die Achseln und dachte sich halt seinen Teil. 

Dann bemerkte man, was vorne vor sich ging. Am Altar. Direkt vor dem Altar. Unter dem Kreuz, das über dem Altar hängt.


Dort tanzten drei Dämchen in schwarzen Hängerchen eine Art Pseudoballet zur Musik, räkelten sich teils auf dem Boden herum, wahrscheinlich im Versuch, ihren Namen zu tanzen. 


Zu Tränen gerührt.


Und ich sags noch mal: Das alles auf Höhe des Altars, unter dem Altarkreuz. Mir jedenfalls hat es die Tränen in die Augen getrieben.

Gut, das war jetzt natürlich ein sehr hartes Beispiel. Sozusagen das Nonplusultra einer gelungenen Vertreibung aus dem Gotteshaus.

Es geht auch subtiler:

Die Menschen abholen, wo sie stehen. Solange es nicht an der Bushaltestelle ist.


Dann gibt es da eine Sonntagsmesse, die immer um 10:00 Uhr stattfand. Eines Tages wurde sie vorverlegt, auf 09:30 Uhr. Aus Termingründen, wegen der zweiten zu feiernden Messe in einer Nachbargemeinde. Diese Termingründe haben sich inzwischen allerdings erledigt, denn jetzt wechselt man zwischen Messe und Wortgottesdienst ab, wobei die Wortgottesdienste sehr überwiegen. Der frühe Termin ist aber geblieben. 

Nun liegt diese Kirche recht außerhalb, und noch dazu auf einer Anhöhe (ja, sowas gibt es am Niederrhein, isso). Dorthin fährt sonntags ein einziger Bus, der wenige Minuten vor 10 Uhr an der Kirche ankommt.

Ihr seht das Problem, gelle? Zumindest für alle Kirchenbesucher, die kein Auto haben, älter oder  nicht so gut zu Fuß sind?


"Wegen Urlaubsvertretung geschlossen!"

Ja, und damit kommen wir zum gestrigen Tag. Ich war in Rheydt. Das gehört zu Mönchengladbach,  seit der "Eingemeindung" in den 1970ern. Das war damals wie bei den GDG-Gründungen heute: Wollte keiner haben, wurde aber "von oben" aufgedrückt, und seitdem mag man sich fast noch weniger als vorher.

Dass es keine Messe geben würde, das wusste ich bereits. Na, dachte ich mir, machst du halt trotzdem mal Station. Wenn schon keine Messe, dann wenigstens Kerze und rasch mal "Tag!" sagen. 17:00 Uhr war das. Vor mir ging ein Bauarbeiter (dafür hielt ich ihn aufgrund seiner Kleidung zuerst) auf die Kirchentüre zu und blieb dort stehen:

"Hier ist jetzt zu!"

"Äh, wie bitte?"

"Wir ham Urlaubsvertretung, da machen wir um 5 zu."


Sprachs und schickte ein paar Frauen nach draußen, die noch in der Kirche gewesen waren.


Wegen Urlaubsvertretung geschlossen! 

Je nun, wir brauchen halt alle unseren Weihnachtsurlaub, stimmt's? Und mal ehrlich: Was soll man denn auch während der Weihnachtsoktav in einer Kirche? 

Gelle?

Sonntag, 25. Dezember 2016

Begegnung im Bahnhof

Du hast mich zum Weinen gebracht. Nicht nur ein bisschen, sondern fast die ganze spätere Weihnachtsmesse hindurch. Weil mich dein Bild und der Gedanke an dich nicht loslassen will.

Mein Zug war zu früh in Neuss eingetroffen, wegen des Feiertagfahrplans, und so saß ich in der Bahnhofshalle und wartete. Du hocktest in einer Ecke auf dem Boden, mit ein paar Tüten um dich herum. Du hast nicht gebettelt, sondern uns den Rücken zugewandt, so als wolltest du die Menschen nicht sehen, für die am Heiligabend die Neusser Bahnhofshalle nur eine Durchgangasstation war. Menschen, die ein Ziel hatten, ein Zuhause, die erwartet wurden.

Ich nahm dich nur kurz wahr und spielte dann weiter mit dem Handy, um die Wartezeit totzuschlagen. Man sieht so viele Bettler in den Bahnhöfen.

Aber du hast nicht gebettelt.

Irgendwann wurde es ruhiger in der Halle. Da hast du dich herumgedreht und eine kleine Kerze aus deiner Jackentasche genommen. Du hast sie angezündet und vor dich auf den Boden gestellt. Während du auf die Kerze schautest, liefen dir ganz still die Tränen über das Gesicht.

Ich ging zu dir hinüber und fragte dich, ob ich dir etwas geben dürfte. Du hattest ja nicht gebettelt. Es wird hoffentlich für zwei oder drei Mahlzeiten reichen. Während ich vor dir hockte, erzähltest du mir, dass du die Nacht hier verbringen würdest. Hier sei es warm und trocken, und es sei sicherer als in den Obdachlosenheimen, wo man dich schon mehrmals bestohlen hatte.

Alles, was ich dir geben konnte, war etwas Geld. Dann musste ich gehen.

Und immer noch sehe ich dich weinend und einsam am Boden vor deiner Kerze sitzen.

Weihnachten in der Bahnhofshalle.

Samstag, 17. Dezember 2016

Der perfekte Weihnachtsstollen

Ich habe ihn für euch entdeckt und möchte ihn euch vorstellen!

Der ultimative Weihnachtsstollen, der allen, aber auch wirklich ALLEN Ansprüchen gerecht wird.

  • kein umständliches Herauspulen von Rosinen
  • oder von lästigen kandierten Früchten 
  • fett- und zuckerfrei für alle Ernährungsbewussten
  • laktosefrei für die Intoleranten
  • ohne klebrigen Marzipan
  • ohne Gewürze oder Aromen
  • und das Beste zum Schluss: völlig VEGAN!

 Hier ist er:


Montag, 12. Dezember 2016

Weihnachten

Es ist "Halbzeit" beim Blogger-Adventskalender mit diesem 12. Beitrag, und Weihnachten nähert sich mit den Sprüngen eines australischen Riesenkängurus.

Und ich sitze seit Tagen da und stricke. Nicht an einem Schal, sondern an einer Idee, wie und worüber ich schreiben soll.

Besinnlich-gemütlich, so wie die vielen Adventskalender, deren bunte Bilder uns die "gute, alte Zeit" von Annodunnemal zurückbringen sollen? Mag ich nicht.

Hochtheologisch, mit einer Abhandlung darüber, ob Josef als "Bauhandwerker" nicht eher Steinmetz als Zimmermann war (Diese Diskussion gibt es tatsächlich)? Will ich nicht.

Handwerklich, mit einer Bauanleitung für selbstgezogene Christbaumkerzen in Goldüberzug mit Zimtsternduft? Kann ich nicht.

Oder vielleicht mystisch-spirituell, mit Hinweisen auf die Wintersonnenwende, das Jul-Fest und den IKEA-Knut? Frei nach dem Ausspruch einer Freundin "Mit Freuden Arschloch sein"? Brauch ich nicht.

Irgendwann saß ich da und sagte halblaut vor mich hin:
"Weihnachten"

Weihnachten. Geweihte Nacht. Weihevolle Nacht.

Nein, falsch: Geweihte Nächte, müsste es heißen, und weihevolle Nächte. Denn "Weihnachten" - das Wort ist Plural! Ich habe gegooglet und herausgefunden:
mittelhochdeutsch wīhennahten, aus: ze wīhen nahten = in den heiligen Nächten

Natürlich beginnt die Weihnachtszeit überhaupt erst mit Heiligabend, auch wenn das an manch einem vorübergeht, der nach Geschenken und Festessen erschöpft auf den geschmückten Tannenbaum schaut und murmelt: "Jetzt ist Weihnachten auch schon wieder vorbei", während gleich am nächsten Tag die gesamte Deko, die nach 6 Wochen wirklich niemand mehr sehen mag, in den Keller wandert.

Aber wenn wir von geweihten oder heiligen Nächten sprechen - was meinen wir dann? Es gab doch nur eine Heilige Nacht: Die, in der Jesus geboren wurde, vor Pi mal Daumen 2.000 Jahren. Seitdem feiern wir jährliche Erinnerungsfeste an diese eine Heilige Nacht.

Ist das so?

Oder haben die Menschen damals, als sie von heiligen Nächten sprachen, besser verstanden, worum es wirklich geht?

Um das weiterzudenken, muss man überlegen, was wir mit Weihnachten eigentlich feiern: Gott wurde Mensch und lebte unter uns.

"Lebte"? Vergangenheit? Hat Gott uns also wieder verlassen? War sein "Besuch" nur ein kurzer Aufenthalt, um uns mit weisen Sprüchen für unsere Facebook-Wall zu versorgen und zuletzt vom Establishment abserviert und ermordet zu werden?

Geht es bei Weihnachten also wirklich nur darum, an eine längst vergangene Heilige Nacht zu erinnern?

Nein.

Die Heilige Nacht kann jedes Jahr für jeden von uns aufs Neue geschehen, wenn wir sie, nein, wenn wir Gott in unser Herz lassen. Die erste Heilige Nacht ist keine Erinnerung, sondern ein Geschenk, das uns immer wieder neu gegeben wird: Gott kam in die Welt, und er ist noch da, um uns Menschen zu retten.

Wenn wir an Weihnachten Gott in unser Herz lassen, wenn wir seine Liebe zu uns spüren, und wenn wir seinen Auftrag annehmen, uns ihm zuzuwenden und seine Liebe in unsere heutige Welt zu tragen - dann ist Heilige Nacht.

Jetzt.

Hier.

Heute.

Weil Er da ist.


Gesegnete Weihnachten!
 

Morgen geht es mit dem Adventskalender hier weiter:

https://dashoerendeherz.blogspot.de/












https://dashoerendeherz.blogspot.de/